Nimmst du dein Gegenüber wirklich als Expert*in für das eigene Leben wahr? 

Auf unserer Tour durch die USA und Kanada sind wir immer wieder den Begriffen „Strukturalismus“ und „Post-Strukturalismus“ respektive Lösungsfokus als „post-strukturalistischer Ansatz“ begegnet. Dies ist uns vor allem an Universitäten aufgefallen, wo „Solution Focused Brief Therapy (SFBT)“ (Lösungsfokussierte Kurzzeittherapie) oft in „Marriage and Family Therapy“-Programmen gelehrt wird.

Während uns im deutschsprachigen Raum öfter die Verbindung von Lösungsfokus als (scheinbar) systemischer Ansatz begegnet, wird die Bedeutung von Steve de Shazers Hinwendung zum Post-Strukturalismus – spätestens seit de Shazer (1991) – weniger thematisiert. Dierolf (2013, S. 6f.) argumentiert z.B. damit, dass durch Steve de Shazers Wende hin zum Post-Stukturalismus, trotz gemeinsamer Geschichte, viele der systemischen Positionen, obsolet wurden.

Doch was meint Steve de Shazer mit Post-Strukturalismus?

„Post-strukturalistisches unterscheidet sich vom strukturalistischen Denken dadurch, daß im ersteren „Sprache die menschliche Welt erzeugt und diese bildet wiederum die ganze Welt“ (Harland 1987, S. 141). Die Welt wird also als sprachliches Phänomen aufgefaßt, und Post-Strukturalisten zweifeln daran, allgemeingültige Gesetze aufstellen zu können. Damit stellen die Post-Strukturalisten unsere gängigen Vorstellungen von Wirklichkeit auf den Kopf; was wir uns als „Oberfläche“ oder übergeordnete Struktur vorstellten, wird bei ihnen plötzlich wichtiger als das, was wir uns bisher als Basis dachten. Unsere Welt, unser sozialer Kontext wird im poststrukturellen Denken durch Worte, durch Sprache geschaffen.“ (de Shazer, 1991, S. 90f.)

Während Strukturalisten hinter Worten an eine Struktur mit Dahinter- oder Darunterliegendem glauben, gibt es für Post-Strukturalisten nichts dahinter oder darunter, sondern nur die Bedeutung, die im aktuellen Dialog am Entstehen ist. Steve de Shazer fokussiert damit weg von möglichen Strukturen hinter dem Gesagten, hin zum Gesagten selbst (vgl. Geyerhofer, 1990, S. 100).

Und wofür könnte es nützlich sein, dies zu wissen? Das ist doch alles bereits klar!

Ja, wenn wir mit lösungsfokussierten Kolleginnen und Kollegen sprechen, dann hören wir tatsächlich sehr oft, dass das Gesagte im Zentrum steht und sie „an der Oberfläche bleiben“ wollen. Und, wir hören auch sehr oft Hinweise auf strukturalistisches Denken, z.B. dann, wenn die „wahren“ Ziele hinter dem Gesagten gesucht werden, wenn „andere“ Bedürfnisse hinter der gewünschten Zukunft erfragt werden, wenn „unbewusste“ innere Strukturen hinter den Worten vermutet werden, wenn das, was das Gegenüber präsentiert, als Symptom von etwas „anderem“ angesehen wird oder wenn was „wirklich“ gemeint ist, entdeckt werden soll.

Wenn wir Lösungsfokus als post-strukturalistischen Ansatz ernst nehmen, so wie ihn Steve de Shazer ernst genommen hat (vgl. De Shazer, 1990 & De Shazer, 1991), dann

  • gibt es nur das Gesagte und keine Tiefenstruktur.
  • gibt es nur die Bedeutung, die im Gespräch am Entstehen ist und sich durch den nächsten Satz wieder verändern kann.
  • bedeuten Worte, die gleich klingen, jedesmal und in jeder Interaktion was anderes.
  • benötigen wir keine Fragen, die dahinter oder darunter blicken.
  • gibt es nichts was anders gemeint sein könnte, als das Formulierte.
  • brauchen wir keine Worte zu verwenden, die auf „andere“ (z.B. unbewusste, verdeckte) Mechanismen hinweisen.
  • können wir sehr gut für das „an der Oberfläche bleiben“ argumentieren gegenüber anderen Ansätzen, die strukturalistische Ideen verfolgen.
  • bedeutet, das Gegenüber als Expert*in zu sehen, auch die Worte des Gegenübers radikal zu akzeptieren.

Dies ist jedoch auch für lösungsfokussierte Praktiker*innen wie uns gar nicht so einfach und noch immer ein Paradigmenwechsel.

 

Literatur:

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